Bad Boys

Viele Männer sind der Ansicht, dass Frauen auf „Bad Boys“ stehen, und nette Kerle daher keine Chance haben. Handelt es sich um ein Vorurteil, oder ist da nicht vielleicht auch ein Funken Wahrheit dran? Dieser weit verbreiteten Meinung möchte ich einmal mit meinem neuen Artikel nachgehen.

In den letzten 50 – 60 Jahren hat sich in unserer Gesellschaft vieles rasant verändert. Die traditionelle Familienstruktur früherer Zeiten gibt es längst nicht mehr. Das patriarchalische Modell hat nun endgültig ausgedient und Frauen haben längst und das war auch dringend nötig, aufgeholt und sich ihren Platz in der Gesellschaft durch die Emanzipationswelle erkämpft. Allerdings hat es den Anschein, als wären dabei viele Männer auf der Strecke geblieben, aber das ist ein anderes Thema.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen haben einen neuen Typ Mann hervorgebracht, der darauf ausgerichtet ist, Anerkennung durch andere zu erhalten und ganz besonders wichtig ist es diesem neuen Typ Mann, Frauen zufriedenzustellen und so anders zu sein, als andere Männer. Um es kurz zu sagen: Nice Guys denken, wenn sie einfach nur lieb und aufmerksam sind, werden sie im Gegenzug dafür geliebt und können so ein glückliches und erfülltes Leben leben. Umgangssprachlich nennt man diesen Typ auch Softie und manche nennen ihn etwas verächtlich „Weichei“. Letztendlich kommt es aufs Gleiche raus.

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Stimmt genau. Im Lauf der letzten Jahre sind mir sehr viele frustrierte und verbitterte Nice Guys begegnet und auch zu mir in meine Coaching-praxis gekommen. Diese Männer kämpfen vergeblich um das Glück, nach dem sie so verzweifelt streben und das sie verdient zu haben glauben. Allerdings entspringt dies der Tatsache, dass Nice Guys einem Mythos anhaften und dieser Mythos ist der Kern des Nice- Guy-Syndroms. Dieses Syndrom meint den Glauben, dass Nice Guys geliebt werden, ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen und ein Leben ohne Probleme führen werden, wenn sie nur „gut“ sind. Wenn diese Strategie nun – wie es sehr häufig passiert – nicht zu den erhofften Ergebnissen führt, strengen sich die Nice Guys nur umso mehr an und jeder kann sich denken, dass dieses Verhalten in eine Art „Abwärtsspirale“ führt. Die daraus unweigerlich resultierende Hilflosigkeit sorgt für inneren Groll und läßt dann natürlich Nice Guys nicht wirklich nett erscheinen.

Meine Erforschung des Nice-Guy-Syndroms begann bei mir selbst und bei meiner eigenen permanenten Unzufriedenheit. Ich versuchte stets es allen recht zu machen, allerdings in der Regel nie das bekam, was mir meiner Meinung nach auch immer zustand. Ich wollte eben ganz anders sein, als mein Vater. Aber das Ergebnis war niederschmetternd und führte letztendlich dazu, dass ich total frustriert war und alles andere als glücklich war. In den nächsten Jahren begann ich, meine eigenen Nice-Guy-Verhaltensweisen unter die Lupe zu nehmen und dabei fiel mir auf, dass es viele Männer mit ähnlichen Eigenschaften gab und erst später wurde mir zunehmend klarer, dass dieses Konzept, welches mir die Richtung vorgab, offensichtlich kein isolierter Einzelfall war, sondern dass es sich um ein Produkt eines gesellschaftlichen Wandels handelte.

Jetzt könnte man meinen, dass es sich um einen reinen Artikel für Männer handelt, aber weit gefehlt, denn auch Frauen haben etwas davon, wenn sie diesen und noch andere Artikel dieser Art lesen. Sie können somit beginnen, etwas genauer hinzuschauen und ihren Nice-Guy-Partner zu verstehen und auch so zu Einsichten über sich selbst zu gelangen. Und mal ehrlich liebe Frauen die ihr das jetzt lest: Wollt ihr wirklich solche Männer?

Wie ist denn nun ein Nice Guy?

Jeder Nice Guy für sich ist individuell, aber sie alle haben einige gemeinsame Eigenschaften, die aus einem Konzept stammen, welches in ihrer Kindheit entstanden ist und ihr Leben bestimmt. Nice Guys geben gerne und behaupten, dass sie sich damit gut fühlen, wenn sie anderen Gutes tun. Für sie selbst ist es ein Zeichen für ihre Großzügigkeit und glauben dabei geliebt und wertgeschätzt zu werden. Sie suchen permanent nach Anerkennung. Dies könnte ein Leitsymptom sein. Sein gesamtes Verhalten ist mehr oder weniger darauf ausgerichtet, Bestätigung zu erhalten und andererseits Enttäuschung zu vermeiden und dies gilt vor allem in der Beziehung zu Frauen.

Ein Nice Guy möchte um jeden Preis Konflikte vermeiden und womöglich ein problemfreies Leben führen und deshalb tun sie alles, um jeglichen Ärger zu vermeiden, oder was jemanden verletzen könnte. Nice Guys versuchen alles, um ihre sogenannten Fehler oder Defizite zu verbergen, damit andere sie nicht verlassen oder meiden, wenn man ihre „Fehler“ entdecken würde. Sie suchen auch ständig nach dem „besten“ Weg, um Dinge zu tun, weil sie dem Irrglauben aufsitzen, dadurch eine Art Schlüssel zu einem glücklichen Leben ohne Probleme zu bekommen. Nice Guys versuchen überwiegend ihre Emotionen und Gefühle zu unterdrücken und bevorzugen die Analyse anstelle eines Gefühls. Viele Nice Guys streben danach, anders als ihre Väter zu sein. Sie erzählen, dass ihre Väter nicht verfügbar, abwesend, eher passiv oder wütend waren, fremdgegangen sind und oder Alkoholiker waren, so wie im übrigen auch mein eigener Vater war. Er war nicht zuverlässig und alles andere als ein gutes männliches Vorbild.

Und Nice Guys fühlen sich in der Gegenwart von Frauen oftmals wohler als in der Gegenwart von Männern. Wegen ihrer Konditionierung in der Kindheit haben viele Nice Guys nur wenige männliche Freunde. So ist es nicht verwunderlich, dass sie die Anerkennung von Frauen suchen und denken von sich selbst, dass sie weder egoistisch noch wütend oder gewalttätig sind. Nice Guys haben sehr große Probleme damit, ihren eigenen Bedürfnissen den Vorrang zu geben. Ich selbst dachte auch lange Zeit, dass es doch viel besser ist, die Bedürfnisse anderer den eigenen voranzustellen.

Nice Guys sind manipulativ. Sie können nur sehr schwer ihre eigenen Bedürfnisse benennen und schon gar nicht jemanden um etwas bitten. Das führt zu einem Gefühl der Machtlosigkeit, weshalb sie häufig zum Mittel der Manipulation greifen, um das zu bekommen, was sie sich insgeheim wünschen. Besonders auffällig ist bei allen Nice Guys, dass sie anderen etwas geben, nur um selbst aber etwas zu bekommen. Sie scheinen sehr großzügig zu sein, doch in Wahrheit sind ihre Geschenke meistens mit unbewussten und unausgesprochenen Bedingungen verknüpft. Ein weiteres Merkmal ist ihr passiv-aggressives Verhalten. Ihre Enttäuschung und ihr innerer Groll bringen sie eher indirekt und geschickt verpackt und nicht besonders freundlich zum Ausdruck. Dies waren nur einige Charakterzüge des typischen Nice Guys. Abschließend möchte ich noch einen ganz „besonderen Charakterzug“ nennen: Nice Guys sind voller Wut, was sie selbst allerdings ganz weit von sich weisen würden, wenn sie darauf angesprochen werden, aber ein Leben voller Enttäuschungen und voller Bitterkeit, läßt die unterdrückte Wut tief im Innern solcher Männer wie in einem Schnellkochtopf unter Druck aufkochen. Und diese Wut sucht sich häufig ein Ventil und bricht oft völlig unerwartet und scheinbar ohne jeglichen Grund heraus. Es ließen sich noch einige mehr aufzählen, aber die bereits genannten bringen sehr gut die wesentlichen Charakterzüge von einem Nice Guy zum Vorschein.

Ist ein Nice Guy nicht ein lieber Kerl?

Viele Menschen halten die Charaktereigenschaften eines Nice Guys für die eines gesunden und normalen Mannes und vielen Frauen scheint der Nice Guy anfangs ein richtig guter  Fang zu sein, da er sich doch so angenehm anders verhält, als jene Männer, mit denen sie bis jetzt zusammen gewesen sind, aber der Schein trügt, denn unglücklicherweise schwappen die eben erwähnten negativen Eigenschaften sehr schnell ins Leben und in die Beziehungen der Nice Guys hinein. Das hat zur Folge, dass die Charaktereigenschaften dieser Männer häufig zwischen gut und böse, wie bei einem Pendel, hin und her schlagen. Häufig habe ich das von Frauen, Partnerinnen und Freundinnen erzählt bekommen und sie haben beschrieben, dass es sich genauso anfühlt, wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Demzufolge läßt sich ganz klar sagen: Ein Nice Guy ist KEIN lieber Kerl!

Womit können Nice Guys denn nun beginnen, um so ihr Leben von Grund auf zu verändern? Sie können bspw.

  • wirksame Methoden lernen, wie sie ihre Bedürfnisse erfüllen können,
  • sich stärker und selbstbewusster fühlen,
  • intime Beziehungen eingehen und auf einer Art leben, die ihnen selbst wirklich entspricht,
  • am besten lernen, wie man Gefühle und echte Empfindungen zum Ausdruck bringen kann,
  • ein besseres und aufregenderes Sexleben führen,
  • sich bewusst mit ihrer eigenen Männlichkeit auseinandersetzen,
  • gute und starke Männerfreundschaften anstreben,
  • ihr volles Potential aufspüren,
  • und vor allem sich selbst erstmal so annehmen, wie Sie wirklich sind,
  • sich Hilfe von Außen holen, wie z.B. ein Coaching buchen, oder eine gutes Männerseminar besuchen (z.B. ManEvolution),
  • u.ä.

 

Ein ganzer Mann 

Nice Guys tendieren zum Schwarz-Weiß-Denken. Und die einzigen Alternativen, die ihnen zu „nett“ einfallen, sind „Arschloch“ oder „Trottel“. Sehr häufig muss ich einem Nice Guy sagen, dass es nicht darum gehe von einem Extrem in ein anderes zu verfallen und es keine erstrebenswerte Lösung sein kann, ein „Mistkerl“ zu werden. In der Prozessarbeit geht es letztendlich darum, ganz oder komplett zu werden.

Ganz-Sein bedeutet in diesem Kontext, alle Aspekte des eigenen Lebens zu akzeptieren und anzuerkennen. Ein ganzer Mann ist bereit, alles anzunehmen, was ihn einzigartig macht: seine Macht, sein Selbstbewusstsein, seinen Mut und seine Leidenschaft, ebenso wie seine Unvollkommenheiten, seine Unzulänglichkeiten und ganz besonders seine Schatten. Somit verfügt ein ganzer Mann über die folgenden Eigenschaften:

 

  • Er besitzt eine starke Selbstwahrnehmung und er mag sich so, wie er ist.
  • Er übernimmt die Verantwortung für die Erfüllung seiner eigenen Bedürfnisse.
  • Er fühlt sich mit seiner Männlichkeit und seiner Sexualität wohl.
  • Er hat gesunde Wertvorstellungen. Er tut was richtig ist; nicht das was Vorteile bringt.
  • Er ist eine Führungspersönlichkeit. Er ist bereit, diejenigen, die ihm etwas bedeuten zu versorgen und zu beschützen.
  • Er ist klar, direkt und zeigt Gefühle.
  • Er kann fürsorglich und zugewandt sein, ohne ein „Kümmerer“ oder zwanghafter Problemlöser zu werden.
  • Er weiß, wie man Grenzen setzt, und fürchtet sich nicht davor, Konflikte durchzuarbeiten.

 

Wenn ihnen diese Aufzählungen, wie man vom Nice-Guy-Syndrom wegkommt, gefallen haben, befinden Sie sich schon auf dem richtigen Weg, denn es wird höchste Zeit, dass wir Männer uns in unserer Komplexität so annehmen wie wir sind und so zu dem Mann werden, der wir schon lange sind. Denn es ist Zeit mit der Jagd nach Anerkennung aufzuhören und zu bekommen, was wir wirklich-wirklich wollen: In der Liebe, der Sexualität und im Leben überhaupt.

In diesem Sinne, lasst uns beginnen eine neue und bessere Welt zu schaffen!